Wer einen kantonalen Geschäftsbericht durchklickt, erwartet Zahlen, Tabellen und trockenes Behördendeutsch. Doch zwischen den Zeilen des Berichts über das Jahr 1966 verbergen sich Geschichten aus dem ganzen Kanton St.Gallen. Manche wirken erstaunlich modern, andere führen in eine fast vergessene Welt.

Ein Atomkraftwerk für Rüthi

Zu den überraschendsten Plänen gehörte ein mögliches Atomkraftwerk in Rüthi. Ursprünglich wollten die Nordostschweizerischen Kraftwerke (NOK) dort ein ölbefeuertes thermisches Kraftwerk errichten. Die rasante technische Entwicklung überholte diese Pläne jedoch noch vor dem Baubeginn: Kernenergie galt plötzlich als deutlich wirtschaftlicher. Die NOK prüfte deshalb den Bau ihres zweiten Atomkraftwerks im Rheintal. Der Regierungsrat verband damit auch regionalpolitische Hoffnungen und forderte im Geschäftsbericht explizit «Solidarität» gegenüber dem Partnerkanton St.Gallen ein, um die Region direkt an der Energieproduktion zu beteiligen. Das Projekt wurde letztlich nie realisiert, dokumentiert aber eindrücklich die damaligen Hoffnungen auf die Kernenergie.

Rohöl fliesst durch das Rheintal

Ein anderes Energieprojekt wurde 1966 Wirklichkeit. Am 17. Januar wurde die Pipeline vom Splügenpass bis zur Zollmessstation St.Margrethen erstmals vollständig mit Rohöl gefüllt. Fachleute überwachten den Vorgang und unterzogen die Anlage umfangreichen technischen Prüfungen. Im September erteilte der Bund eine vorläufige Betriebsbewilligung. Damit fand ein Projekt seinen Abschluss, an dem während fünfeinhalb Jahren gearbeitet worden war.
Auch finanziell engagierte sich St.Gallen: Der Kanton übernahm treuhänderisch 5600 Aktien der Leitungsgesellschaft mit einem Nominalwert von insgesamt 5,6 Millionen Franken. Gleichzeitig hoffte man weiterhin auf eine Raffinerie im Umfeld der Pipeline.

Bis zu 100 Tonnen tote Egli

Am Bodensee sorgte ein massives Fischsterben für Aufsehen. Im Vorsommer wurden die Egli von einem parasitischen Saugwurm befallen. Im Herbst und Vorwinter kam die sogenannte Beulenkrankheit hinzu. Im gesamten Bodensee verendeten nach damaligen Schätzungen zwischen 50 und 100 Tonnen Egli. Gleichzeitig war das Jahr sehr niederschlagsreich. Der Pegel des Bodensees stieg laut Geschäftsbericht zeitweise «in beängstigender Weise» an.

St.Peterzell im Zentrum einer Tierseuche

Auch die Landwirtschaft wurde von einer Seuche getroffen. Im Winter 1965/66 erreichte die Maul- und Klauenseuche den Kanton St.Gallen. Insgesamt erkrankten 23 Tierbestände in neun Gemeinden. Allein elf davon lagen in St.Peterzell. 370 Rinder und 847 Schweine mussten geschlachtet werden. Die Bekämpfung kostete den Kanton rund 1,7 Millionen Franken.
Dass der Ausbruch nicht noch grössere Ausmasse annahm, führte der Bericht auf eine rasch organisierte Impfaktion und strenge Schutzmassnahmen zurück. Zwischen dem 18. Dezember 1965 und dem 13. Januar 1966 wurden sämtliche Rindviehbestände durchgeimpft. Beim letzten vergleichbaren Seuchenzug 1938/39 waren noch 1645 Bestände betroffen gewesen.

Die kantonale Zahnpflege kam ins Rollen

Die Gesundheitsversorgung erreichte abgelegene Gemeinden auf Rädern. Vier Zahnärzte arbeiteten 1966 in drei mobilen Praxiswagen der kantonalen Schulzahnklinik. Im Sarganserland und im oberen Rheintal konnte damit ein jahrelanger Behandlungsrückstand aufgeholt werden. Im westlichen Kantonsteil war der in Wattwil stationierte Zahnarzt dagegen für zu viele Schulgemeinden zuständig. Sein Besuchsturnus verzögerte sich erheblich. Deshalb plante der Kanton einen vierten Klinikwagen. Neu wurden bereits Kinder vor dem Schuleintritt systematisch untersucht und behandelt. Gleichzeitig setzte man verstärkt auf das Zähneputzen und die Vorbeugung gegen Karies.

Alte Verkehrsprobleme im Toggenburg

Viele Verkehrsfragen im Toggenburg standen bereits 1966 auf der Traktandenliste. Allen voran das generelle Projekt für die Umfahrung Wattwil–Lichtensteig sowie erste Planungen für Bütschwil. Während die Umfahrung Ebnat-Kappel schon im Bau war, mussten die Arbeiten an der Kräzerenpassstrasse und in Unterwasser wegen fehlender Kredite komplett gestoppt werden. Auch im Linthgebiet stockte der Verkehrsfluss: Für Rapperswil und Jona konnte 1966 noch keine definitive Linienführung gefunden werden - ein früher Hinweis auf eine Verkehrsfrage, die die Region noch jahrzehntelang beschäftigen sollte.

Ein neues Krankenhaus für Uznach

Das Krankenhaus Uznach war 1895 mit 38 Betten eröffnet und danach mehrfach erweitert worden. In den 1960er-Jahren stiess der Betrieb endgültig an seine räumlichen Grenzen. Der Grosse Rat genehmigte deshalb einen Neubau für 15,782 Millionen Franken einstimmig. In der kantonalen Volksabstimmung vom 11. Dezember 1966 folgte ein deutliches Verdikt: 39’612 Stimmberechtigte sagten Ja, nur 4926 lehnten das Projekt ab.

Kläranlagen für einen moderneren Kanton

Der Gewässerschutz gewann Mitte der 1960er-Jahre stark an Bedeutung. Im ganzen Kanton entstanden kommunale und regionale Abwasserreinigungsanlagen.
Für Uzwil und Oberuzwil war eine gemeinsame Anlage für 20’000 Einwohnerwerte vorgesehen. In Kirchberg-Bazenheid befand sich eine Anlage für 14’000 Einwohnerwerte im Bau. Weitere Projekte bestanden unter anderem in Flawil, Wattwil, Rapperswil, Altstätten, Jona und Andwil-Arnegg. Besonders grosse regionale Anlagen waren für Altenrhein, Morgental und St.Gallen-West vorgesehen. Die Anlage in Altenrhein sollte die Abwässer von zehn Gemeinden und umgerechnet 100’000 Einwohnern reinigen.

Expo-Pavillons für die OLMA

In St.Gallen profitierte die OLMA vom Erbe der Schweizer Landesausstellung von 1964. An der 24. OLMA standen erstmals alle sechs aus Expo-Elementen errichteten Pavillons zur Verfügung. Deshalb musste der Kantonsschulpark nicht länger als Ausstellungsfläche genutzt werden.
Auch bei der traditionellen Viehschau ging die OLMA neue Wege: Erstmals wurden Tiere präsentiert, die direkt an der Messe versteigert werden konnten. Sämtliche Tiere fanden einen Käufer.

Der Fernseher als «geheimer Miterzieher»

Mit Sorge blickten die kantonalen Jugendschutzkommissionen auf ein neues Massenmedium. Der unkontrollierte und wahllose Fernsehkonsum habe einen grossen Einfluss auf junge Menschen, hielt der Geschäftsbericht fest. Das Fernsehgerät wurde als «geheimer Miterzieher» bezeichnet. Um gegenzusteuern, forderten die Behörden eine gezielte Film- und Fernseherziehung in den Schulen sowie eine stärkere Aufklärung der Eltern. Social Media lässt grüssen.

95 Menschen starben auf den Strassen

Das neue Zeitalter der Mobilität hatte eine erschreckende Kehrseite. 1966 registrierte die Polizei im Kanton St.Gallen 2596 Verkehrsunfälle. Dabei wurden 1603 Menschen verletzt und 95 getötet. Unter den Todesopfern waren 32 Fussgänger. Der Sachschaden belief sich auf 6,94 Millionen Franken. Zwar ging die Zahl der tödlich verunglückten Kinder zurück, dennoch verloren zehn Kinder ihr Leben im Strassenverkehr.

Viele Fragen sind bis heute aktuell

Wie wird Energie produziert? Wie viel Verkehr verträgt eine Region? Wie lassen sich Gewässer schützen? Und welchen Einfluss haben neue Medien auf Kinder und Jugendliche? Die Fragen von damals klingen erstaunlich vertraut. Wer weiterblättert, entdeckt im digitalisierten Geschäftsbericht noch viele andere Geschichten aus dem Kanton St.Gallen.

• Quelle: AMTSBERICHTE an den Grossen Rat des Kantons St.Gallen über das Jahr 1966. Erstattet durch den Regierungsrat im Mai 1967.

• Autor: Jürg Grau - im Auftrag des Pilotprojekts von Retrodigital